„Die Hitzewallungen sind weg – aber ich bin immer noch nicht ich"
Julia, 54, hat ihre Hausaufgaben gemacht.
Sie ist seit zwei Jahren in gynäkologischer Betreuung, hat eine Hormontherapie begonnen, nimmt transdermales Östrogen. Die Hitzewallungen sind deutlich besser. Der Schlaf hat sich stabilisiert. Auf dem Papier läuft es.
Und trotzdem sitzt sie beim nächsten Termin und sagt: „Ich fühle mich immer noch nicht wie ich."
Die Ärztin fragt nach. Julia überlegt. „Die Energie fehlt. Die Lust – auf Sex, aber auch auf Dinge, die mir früher Freude gemacht haben. Es ist nicht Depression. Es ist eher... Grau."
Was Julia beschreibt, kennen viele Frauen, die gut eingestellte Östrogentherapien haben. Und was dahinterstecken kann, wird noch viel zu selten besprochen: Androgene.
Kein „Männerhormon" – sondern Teil weiblicher Biologie
Testosteron. Das Wort allein löst manchmal Stirnrunzeln aus. Zu maskulin. Zu fremdartig. Zu weit weg von dem, womit Frauen assoziiert werden.
Dabei ist es ganz einfach: Testosteron ist auch im weiblichen Körper physiologisch vorhanden. Es wird in den Eierstöcken und Nebennieren gebildet – und es spielt eine eigenständige Rolle, die Östrogen nicht übernehmen kann.¹
Androgene beeinflussen:
Sexuelle Lust und Erregbarkeit – nicht als nettes Extra, sondern als biologischer Mechanismus, der über eigene Rezeptoren im Gehirn und Gewebe wirkt.
Antrieb und Vitalität – das motivationale System, das entscheidet, ob etwas sich lohnenswert anfühlt oder nicht.
Muskelkraft und Körpergefühl – Androgene unterstützen den Erhalt von Muskelmasse und wirken auf das Körperbewusstsein.
Emotionale Stabilität – nicht identisch mit der Östrogenwirkung, sondern ergänzend. Viele Frauen beschreiben es als das Gefühl, „geerdet" zu sein.
Mit zunehmendem Alter – und besonders in den Wechseljahren – sinken nicht nur Östrogen und Progesteron, sondern auch die Androgenspiegel deutlich.¹ Das passiert langsamer und leiser als der Östrogenverlust. Deshalb wird es seltener erkannt.
Wenn Östrogen gut eingestellt ist – und trotzdem etwas fehlt
Das ist der Moment, den Julia erlebt hat. Und der viele Frauen frustriert, weil er schwer zu benennen ist.
Nicht krank. Nicht in einer Krise. Aber auch nicht wirklich da.
Wenn trotz ausreichender Östrogenversorgung folgende Symptome bestehen bleiben, kann eine ergänzende Androgentherapie in Betracht gezogen werden:
- Anhaltend verminderte Libido – ohne klare psychologische Ursache
- Fehlender Antrieb, Vitalitätsverlust, das Gefühl von Gleichgültigkeit
- Emotionales Abflachen – Dinge berühren nicht mehr so wie früher
- Das diffuse Gefühl: „Ich bin nicht mehr ganz ich"
Die beste wissenschaftliche Evidenz besteht für die Behandlung der sogenannten Hypoactive Sexual Desire Disorder (HSDD) bei postmenopausalen Frauen.² Aber viele Frauen berichten über ein breiteres Bild: mehr Energie, stabilere Stimmung, ein wiedergewonnenes Körpergefühl.
Es geht nicht um Leistungssteigerung. Es geht um Physiologie – um die Rückkehr zu einem Gleichgewicht, das sich verschoben hat.
Was die Forschung wirklich sagt
Ein systematisches Review und Meta-Analyse im Lancet Diabetes & Endocrinology aus dem Jahr 2019 hat die Evidenz zu Testosteron bei Frauen umfassend ausgewertet.² Die Ergebnisse: Niedrig dosiertes Testosteron verbessert sexuelles Wohlbefinden bei postmenopausalen Frauen signifikant – ohne relevante Hinweise auf schwerwiegende Nebenwirkungen bei physiologischer Dosierung.
Der Global Consensus Statement von 2019, unterzeichnet von mehreren großen Endokrinologie- und Menopause-Fachgesellschaften, fasst zusammen: Testosteron kann für ausgewählte Frauen eine sichere und wirksame Option sein – wenn Indikation, Dosierung und Monitoring stimmen.³
Was die Forschung auch sagt: Langzeitdaten zur kardiovaskulären Sicherheit sind noch begrenzt. Das bedeutet nicht, dass Testosteron unsicher ist – sondern dass es Begleitung braucht.
Was medizinisch vorausgeht – und warum das wichtig ist
Eine Androgentherapie gehört immer in erfahrene ärztliche Hände. Nicht weil sie gefährlich ist, sondern weil sie individuell sein muss.
Vor Beginn sollten besprochen und geprüft werden:
Welche Symptome bestehen – und seit wann? Wie ist die bisherige Hormontherapie eingestellt? Wie sind kardiovaskuläre Risikofaktoren, Leberwerte, Lipidprofil? Gibt es familiäre Vorbelastungen, die relevant sein könnten?
Während der Therapie sind regelmäßige Verlaufskontrollen wichtig – nicht aus bürokratischem Reflex, sondern um Wirksamkeit zu sichern und Überdosierung zu vermeiden.³
Mögliche Nebenwirkungen – realistisch eingeordnet, nicht dramatisiert
Bei zu hoher Dosierung oder fehlender Kontrolle können auftreten: fettigere Haut, Akne, vermehrtes Haarwachstum, selten Stimmveränderungen oder Veränderungen der Blutfettwerte.
In physiologischer Dosierung – also in Mengen, die im normalen weiblichen Bereich liegen – gilt Testosteron als gut verträglich. Das Ziel ist immer: so niedrig dosiert wie möglich, so individuell wie nötig, so engmaschig begleitet wie sinnvoll.
Julia hat nach dem Gespräch mit ihrer Ärztin eine niedrig dosierte Testosterongabe als Ergänzung begonnen. Drei Monate später schreibt sie:
„Ich würde es nicht dramatisieren. Es ist nicht wie ein Schalter, der umgelegt wird. Aber dieses Grau ist weg. Ich bin wieder neugierig auf Dinge. Das klingt klein – aber es ist alles."
Nicht jede Frau braucht Testosteron. Aber manche profitieren spürbar.
Die Entscheidung für oder gegen eine Androgenergänzung ist keine universelle. Sie hängt von Deiner Symptomatik, Deiner Vorgeschichte und Deinen Zielen ab.
Was zählt: Du hast das Recht auf ein Gespräch, das diese Fragen ernst nimmt. Nicht alle Ärztinnen und Ärzte sind mit dem Thema vertraut – es ist ein Bereich, der in der Ausbildung noch zu wenig Raum bekommt. Deshalb ist es wichtig, gezielt nach Fachleuten zu suchen, die gynäkologische Endokrinologie kennen.
Entscheidend ist nicht die Menge der Hormone. Sondern das richtige Zusammenspiel.
Quellen
¹ Davison SL et al. Changes in androgen levels during the menopausal transition. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, 2005. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15827103/
² Islam RM et al. Safety and efficacy of testosterone for women: a systematic review and meta-analysis. The Lancet Diabetes & Endocrinology, 2019. https://www.thelancet.com/journals/landia/article/PIIS2213-8587(18)30343-6/fulltext
³ Global Consensus Position Statement on the Use of Testosterone Therapy for Women. Endocrine Society et al., 2019. https://academic.oup.com/jcem/article/104/10/4660/5556103
⁴ North American Menopause Society (NAMS). The role of testosterone therapy in postmenopausal women, 2020. https://www.menopause.org









