„Ich funktioniere noch – aber ich komme nicht mehr wirklich an"
Nora, 47, schickt uns eine Nachricht spät abends. Nicht weil sie nicht schlafen kann – obwohl das auch stimmt. Sondern weil das der einzige Moment des Tages ist, in dem sie für sich selbst denken kann.
Sie ist Projektleiterin, Mutter, die Person, die alle Fäden hält. Auf dem Papier läuft alles. Und trotzdem schreibt sie:
„Ich funktioniere noch. Aber ich komme nicht mehr wirklich an. Nicht bei mir. Nicht bei den Menschen, die mir wichtig sind. Es ist, als würde ständig jemand leise am Nervensystem ziehen. Nicht laut. Aber dauerhaft."
Vielleicht kennst Du diesen Satz. Oder eine Version davon.
Wenn Erschöpfung kein individuelles Versagen ist
Frauen in der Perimenopause stellen diese Frage oft leise. Fast entschuldigend:
„Was kann ich realistisch tun, damit es mir besser geht?"
Nicht: Wie werde ich wieder die Alte. Nicht: Wie optimiere ich mich zurück in ein System, das mich müde gemacht hat. Sondern: Wie komme ich durch diesen Tag, ohne mich selbst zu verlieren?
Viele sagen Sätze wie: „Ich war doch immer belastbar." „Andere schaffen das doch auch." „Ich darf mich nicht so anstellen."
Die Wahrheit ist eine andere. Dein Körper ist nicht kaputt. Er arbeitet unter neuen biologischen Bedingungen. Und das ist kein persönliches Scheitern.
Wir leben in einer Gesellschaft, die Frauen beigebracht hat, Belastbarkeit mit Wert zu verwechseln. Durchhalten gilt als Stärke. Pausen als Schwäche. Und Selbstfürsorge wird schnell zur nächsten To-do-Liste. In der Perimenopause stoßen viele Frauen erstmals an die biologischen Grenzen dessen, was der Körper still kompensieren kann – nicht weil sie schwächer geworden sind, sondern weil die Bedingungen sich grundlegend verändern.
Was biologisch passiert – und warum „einfach durchatmen" oft nicht reicht
Die Perimenopause ist keine Phase, die man wegmeditiert. Nicht weil Achtsamkeit schlecht wäre – sondern weil das Nervensystem gerade real mehr leisten muss, bei weniger hormoneller Unterstützung.
Progesteron, das früher beruhigend auf das zentrale Nervensystem wirkte, sinkt als erstes.¹ Östrogen schwankt – manchmal zu viel, manchmal zu wenig. Das hat direkte Auswirkungen auf die HPA-Achse, das Stressregulationssystem des Körpers: Die Stressschwelle sinkt, das Alarmsystem reagiert schneller, Cortisol bleibt länger erhöht.² Schlechter Schlaf verstärkt diesen Effekt – und schlechter Schlaf gehört zu den häufigsten Beschwerden in dieser Phase.³
Hinzu kommt die Außenwelt: Arbeit, Care-Arbeit, Beziehungen, das unausgesprochene Gefühl, immer noch alles im Griff haben zu müssen. Burnout entsteht in dieser Konstellation nicht aus Schwäche. Sondern aus zu langem Funktionieren ohne Anpassung der Bedingungen.
„Als mir eine Ärztin erklärt hat, dass mein Progesteron seit zwei Jahren fällt und das direkt auf mein Stresssystem wirkt – da hab ich zum ersten Mal aufgehört, mich zu beschuldigen", schreibt Nora. „Das war kein dramatischer Moment. Aber ein wichtiger."
Was wirklich hilft – ohne Dein Leben umzubauen
Die ehrliche Antwort aus der Praxis ist oft ernüchternd und entlastend zugleich: Es sind keine radikalen Programme. Kein neues Ich. Sondern wenige, gut platzierte Hebel, die dem Nervensystem signalisieren: Du bist sicher. Du darfst regulieren.
Tageslicht am Morgen Kein Biohack. Sondern ein direktes Signal für den zirkadianen Rhythmus und das Cortisol-Aufwachmuster. Bereits 10–20 Minuten Tageslicht am frühen Morgen verbessern Schlafqualität und Stimmungsregulation nachweislich.⁴
Regelmäßiges Essen mit ausreichend Protein Nicht aus Disziplin – sondern zum Schutz von Nerven, Muskeln und Blutzucker. Blutzuckerschwankungen verstärken Stimmungstiefs und Erschöpfung direkt. Ausreichend Protein – etwa 1,2 bis 1,6 g pro Kilogramm Körpergewicht täglich – unterstützt Muskelerhalt und Sättigungsregulation in dieser Lebensphase.⁵
Krafttraining 2–3× pro Woche Nicht um „fit zu bleiben", sondern weil es hormonell wirkt: Krafttraining verbessert die Insulinsensitivität, wirkt entzündungshemmend, unterstützt Schlaf und reduziert Angstsymptome – Effekte, die in dieser Phase besonders relevant sind.⁶
Weniger Reizüberflutung am Abend Das Nervensystem braucht nicht noch mehr Input – sondern Übergänge. Bildschirmzeit reduzieren, Nachrichten aus, 30 Minuten vor dem Schlafen Stille zulassen. Das klingt simpel. Es ist physiologisch wirksam.
Stress anders dosieren – nicht wegatmen Stress lässt sich in dieser Phase nicht wegmeditieren. Aber er lässt sich anerkennen, begrenzen und neu verteilen. Kognitive Verhaltenstherapie und achtsamkeitsbasierte Ansätze sind bei Frauen in der Perimenopause gut untersucht und zeigen messbare Effekte auf Erschöpfung, Stimmung und Schlafqualität.⁷
Das klingt unspektakulär. Und genau deshalb wirkt es.
Perimenopause ist keine Schwächephase
Sie ist eine Phase, in der der Körper ehrlich wird. In der er nicht mehr alles abfedert, was lange zu viel war.
Das ist unbequem. Aber es ist auch eine Einladung – nicht zur Selbstoptimierung, sondern zur Selbstabstimmung.
Weniger: Was müsste ich noch schaffen? Mehr: Was braucht mein System jetzt wirklich?
Nora hat heute eine halbe Stunde weniger E-Mails am Abend. Sie geht morgens kurz raus. Sie hat angefangen, zweimal die Woche Krafttraining zu machen – nicht weil jemand es verordnet hat, sondern weil sie verstanden hat, warum es ihr hilft.
„Ich bin nicht weniger erschöpft als vor einem Jahr", schreibt sie. „Aber ich bin weniger allein damit. Und ich weiß jetzt, was ich tue – und warum."
Eine Frage an Dich
Wenn Du gerade ehrlich hinschaust – was fällt Dir im Moment am schwersten?
Der Schlaf? Die Energie? Der Stress? Dein Körpergefühl?
Du musst darauf keine perfekte Antwort haben. Manchmal reicht es, die richtige Frage nicht mehr wegzuschieben.
Du darfst langsamer werden, ohne weniger wert zu sein.
Foto von Artem Beliaikin auf Unsplash
Quellen
¹ Prior JC. Progesterone for Symptomatic Perimenopause Treatment. Climacteric, 2011. https://doi.org/10.3109/13697137.2011.557144
² Heitkemper MM & Chang L. Do fluctuations in ovarian hormones affect gastrointestinal symptoms in women with irritable bowel syndrome? Gender Medicine, 2009. / Für HPA-Achse und Östrogen: Stress, the HPA Axis and Depressive Illness. CNS Neuroscience & Therapeutics, 2012. https://doi.org/10.1111/j.1755-5949.2012.00374.x
³ Polo-Kantola P. Sleep problems in midlife and beyond. Maturitas, 2008. https://doi.org/10.1016/j.maturitas.2008.07.002
⁴ Wams EJ et al. Linking Light Exposure and Subsequent Sleep. Nature Human Behaviour, 2017. https://doi.org/10.1038/s41562-017-0196-6
⁵ Bauer J et al. Evidence-based recommendations for optimal dietary protein intake in older people. Journal of the American Medical Directors Association, 2013. https://doi.org/10.1016/j.jamda.2013.05.021
⁶ Stanton R & Reaburn P. Exercise and the treatment of depression. Journal of Science and Medicine in Sport, 2014. https://doi.org/10.1016/j.jsams.2013.03.010
⁷ Ayers B et al. The impact of attitudes towards the menopause on women's symptom experience: A systematic review. Maturitas, 2012. https://doi.org/10.1016/j.maturitas.2009.10.016









